Das Screen-of-Green-Netz gilt vielen als der Königsweg zum vollen Zelt. Ein waagerechtes Gitter, durch das die Triebe gefädelt werden, zwingt die Pflanze in ein flaches, gleichmäßiges Kronendach. Das funktioniert, aber es funktioniert aus einem ganz bestimmten Grund, und dieser Grund kippt in mehreren realen Konstellationen ins Gegenteil. Wer die Lichtphysik dahinter kennt, erkennt sofort, wann das Netz die Ernte trägt und wann es nur Zeit frisst.
Warum ein flaches Dach überhaupt hilft
Der Ertrag von Cannabis skaliert in der Blüte verblüffend linear mit der Lichtmenge. Gemessen stieg der Trockenertrag von rund 116 auf 519 Gramm pro Quadratmeter, als die Beleuchtungsstärke von 120 auf 1800 Mikromol pro Quadratmeter und Sekunde erhöht wurde, was einer Tageslichtsumme von etwa 5 bis 78 Mol pro Quadratmeter und Tag entspricht. Bemerkenswert ist, dass das einzelne Blatt längst vor 1800 Mikromol in die Sättigung geht, der ganze Bestand aber weiter zulegt. Die Erklärung: Die oberen Blätter beschatten die unteren, und diese Selbstbeschattung ist der eigentliche Flaschenhals.
Genau hier setzt das Netz an. Ein flaches Kronendach verteilt die Photonen auf viele gleichrangige Blütenansätze statt auf eine überbelichtete Spitze und einen dunklen Unterbau. Dass Gleichmäßigkeit mehr ist als Kosmetik, zeigt sich im Gewächshaus: Eine homogenere Ausleuchtung brachte bis zu 41 Prozent mehr Terpene, während Pflanzen im Zentrum unter sehr hoher Punktbelichtung bis zu 48 Prozent weniger effizient arbeiteten. Das Netz verkauft also keine Photonen, es verteilt sie besser.
Ein Screen schafft kein zusätzliches Licht. Er verteilt vorhandenes Licht gleichmäßiger – mehr nicht, aber auch nicht weniger.
Was unter dem Dach mit dem Licht passiert
In einem dichten Bestand ändert sich nicht nur die Menge, sondern auch die Farbe des Lichts nach unten hin. Blätter absorbieren Rot deutlich stärker als Dunkelrot, weshalb das Verhältnis von Rot zu Dunkelrot im Unterwuchs einbricht: Im freien Sonnenlicht liegt es bei etwa 1,2 bis 1,5, in einem dichten Blätterdach kann es gegen 0,05 fallen. Für die Pflanze ist ein niedriges Rot-zu-Dunkelrot-Verhältnis das klassische Schattensignal. Es deaktiviert das Phytochrom, aktiviert streckungsfördernde Faktoren und treibt die unteren Triebe in die Länge, auf der Suche nach Licht. Ein Teil dessen, was ein Netz leistet, ist also, dieses Schattensignal gar nicht erst entstehen zu lassen.
Ein zweiter, wenig bekannter Punkt betrifft Grünlicht. Während Rot und Blau schon in den obersten Zellschichten eines Blattes verschluckt werden, dringt Grün tiefer ein und treibt bei starkem Weißlicht die Photosynthese in den unteren Blattschichten sogar stärker an als zusätzliches Rot. Das gilt zunächst für das einzelne Blatt, nicht automatisch für den ganzen Bestand, relativiert aber die verbreitete Geringschätzung grüner Wellenlängen.
Zielwerte, an denen man sich orientiert
| Phase | PPFD (µmol/m²/s) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Vegetation | ca. 300 – 600 | gemessen 425 bei 18 h ≈ 27,5 mol/Tag |
| Blüte ohne CO2 | ca. 600 – 1000 | darüber lohnt CO2-Anhebung |
| Blüte mit CO2 | bis ~1500 | Optimum bei 750 ppm und ~30 °C |
Über viele Versuche hinweg zeigt sich, dass mehr Licht zwar mehr Wirkstoff pro Fläche, aber weniger Ertrag pro Watt bringt und dass die Pflanzenzahl den Flächenertrag nicht zuverlässig vorhersagt; empfohlen werden höchstens zwölf Pflanzen pro Quadratmeter. Das ist der Hebel, an dem die Netzfrage hängt: Ist mein Bestand licht- oder formlimitiert?
Wann das Netz keinen Sinn mehr ergibt
An dieser Stelle verlässt die Fachliteratur den sicheren Boden: Ein kontrollierter Direktvergleich von Screen of Green mit anderen Verfahren fehlt bis heute. Was folgt, ist deshalb als begründete Schlussfolgerung aus der Lichtphysik zu lesen, nicht als gemessenes Gesetz.
Erstens: der Durchsatz. Ein Netz verlangt eine längere vegetative Phase, bis die Fläche gefüllt ist. Wer stattdessen viele kleine Pflanzen dicht stellt und kurz vegetieren lässt, füllt das Dach über die Stückzahl statt über die Zeit. Da der Ertrag mit der Tageslichtsumme skaliert und nicht mit der Trainingsmethode, ist bei kurzer Veg und hoher Stückzahl der Zeitgewinn oft mehr wert als die gleichmäßigere Krone.
Zweitens: selbstblühende Automatics. Sie blühen altersgesteuert und lassen sich nicht in der Veg aufhalten, bis das Netz voll ist. Ein starres Gitter passt schlecht zu einer Pflanze, die nach festem Fahrplan in die Blüte geht.
Drittens, und das ist der teuerste Irrtum: das Netz als Vorwand zum aggressiven Ausputzen. An über zweieinhalb Meter hohen Pflanzen kostete das Entfernen der Primäräste bis zu 99 Prozent Ertrag, während moderates Entlauben den Flächenertrag kaum änderte, aber die unteren Blüten aufwertete. Ein Netz, unter dem tragende Äste weggeschnitten werden, zerstört genau die Struktur, die es ausnutzen soll.
Viertens: die Lichtmenge selbst. Weil der Bestand noch bei 1800 Mikromol linear zulegt und die Selbstbeschattung bestehen bleibt, ist die Vorstellung falsch, eine sehr starke Lampe mache das Netz überflüssig, weil sie ohnehin durchdringe. Das Gegenteil stimmt: Je mehr Licht oben ankommt, desto wertvoller wird jede gleichmäßig ausgeleuchtete Blütenfläche. Wer aber ohnehin zu wenig Licht hat, löst sein eigentliches Problem nicht mit einem Netz, sondern mit mehr Photonen.
Das Spektrum verschiebt die Rechnung
Ein wesentlicher Nutzen des Netzes, die Kontrolle der Streckung, lässt sich teilweise über das Spektrum erreichen. Ein hoher Blauanteil hält Pflanzen kompakter; in einem Spektrumvergleich lag die Höhe unter blaulastigem Licht am niedrigsten, allerdings auch der Ertrag pro Pflanze, während der THC-Gehalt am höchsten war. Wer also über das Spektrum bereits für gedrungenen Wuchs sorgt, braucht das Netz weniger als Streckungsbremse.
Umgekehrt ist Dunkelrot nicht pauschal der Feind. Bis zu einem Anteil von etwa 30 Prozent am Photonenfluss trägt Dunkelrot zur Bestandsphotosynthese genauso bei wie sichtbares Licht, und ein niedrigeres Rot-zu-Dunkelrot-Verhältnis brachte im Gewächshaus in den letzten zehn Tagen sogar 16 Prozent mehr Blütenertrag. Spektrum ist damit kein Ersatz für ein Netz, aber ein zweiter Hebel an derselben Stellschraube: der Architektur der Pflanze. Und nicht zuletzt liegt ein gutes weißes LED pro Fläche nur wenige Prozent unter einer Natriumdampflampe, schneidet pro eingesetzter Energie aber deutlich besser ab – ein Hinweis, dass bei knappem Budget der Wirkungsgrad wichtiger ist als die letzte Feinheit im Spektrum.
Die Entscheidung in einem Satz
Ein Screen of Green lohnt, wenn das Kronendach ungleichmäßig und die Veg-Zeit reichlich ist; er lohnt nicht, wenn Durchsatz, Automatics oder schlichtweg zu wenig Licht das eigentliche Limit sind. Das Netz formt den Bestand – es ersetzt weder Photonen noch sauberes Timing.
Weiterlesen im Magazin
Grow-Wissen
Topping und FIMing: Die Physiologie der apikalen Dominanz – und wann Schneiden Ertrag kostet
Beim Kappen verschwindet kein Auxin, es verteilt sich um – und Zucker ist oft der erste Schalter. Was die Datenlage zu Topping und FIMing …
Grow-Wissen
VPD im Zelt exakt steuern: Taupunkt, Blatttemperatur-Offset und die Zahlen je Phase
VPD gehört an die Blatttemperatur gerechnet, nicht an die Raumluft. Warum der Offset unter LED und HPS verschieden ist, plus belegte kPa-Zahlen je Phase.
Growguide
Cannabis Samen keimen lassen
Hey, willkommen zu dieser Anleitung zum Keimen von Cannabis! Hier teile ich meine Erfahrung aus 23 Jahren Anbau mit dir. Egal, ob du Anfänger …
