Wer sein Zeltklima über die relative Luftfeuchte steuert, steuert die falsche Größe. Pflanzen reagieren nicht auf Prozent, sondern auf den Sog, mit dem die Luft ihnen Wasser aus den Blättern zieht. Dieser Sog hat einen Namen und eine Einheit: das Dampfdruckdefizit, kurz VPD, gemessen in Kilopascal. Es ist die Differenz zwischen dem Wasserdampf, den die Luft bei einer bestimmten Temperatur maximal aufnehmen könnte, und dem, der tatsächlich darin ist.
Die Formel, die alles zusammenhält
Der Sättigungsdampfdruck steigt exponentiell mit der Temperatur. Die gängige Näherung ist die Tetens-Gleichung: der Sättigungsdampfdruck in Kilopascal ergibt sich aus 0,6108 mal e hoch (17,27 mal Temperatur, geteilt durch Temperatur plus 237,3). Das Defizit ist dann dieser Wert multipliziert mit (1 minus relative Feuchte geteilt durch 100).
Zwei Dinge folgen daraus unmittelbar. Erstens: Dieselbe relative Feuchte bedeutet bei 20 Grad ein völlig anderes VPD als bei 28 Grad, weil der exponentielle Term die Rechnung dominiert. Zweitens, und das ist der Punkt, den die meisten Anleitungen überspringen: In der Formel steht die Temperatur des verdunstenden Blattes, nicht die der Luft. Genau hier trennt sich oberflächliches vom belastbaren Klimaverständnis.
Warum das Blatt kälter ist als die Luft
Ein transpirierendes Blatt kühlt sich selbst, so wie Schweiß die Haut kühlt. Solange die Spaltöffnungen offen sind und Wasser verdunstet, liegt die Blattoberfläche unter der Lufttemperatur. Die Differenz ist kein Rundungsfehler: Unter LED-Licht wird das Blatt typischerweise etwa zwei bis drei Grad kühler als die Luft angegeben, unter Natriumdampflampen eher wärmer, weil deren hoher Infrarotanteil die Blattfläche direkt aufheizt. Das sind Praxiswerte; eine saubere Vergleichsmessung speziell für Cannabis unter LED gegen HPS gibt es bisher kaum, und wer ehrlich arbeitet, sagt das dazu.
Der Mechanismus dahinter ist dagegen gut verstanden. Eine Natriumdampflampe setzt nur rund fünf bis zehn Prozent der aufgenommenen Energie in nutzbares Licht um, eine moderne LED etwa zweiundzwanzig bis achtundzwanzig Prozent. Der große Rest wird bei der HID-Lampe zu Strahlungswärme, die der Reflektor mit dem Licht zusammen nach unten aufs Blatt wirft. Unter LED fehlt dieser Infrarot-Heizstrahl fast vollständig. Das Blatt steht kühler da, sein Sättigungsdampfdruck ist niedriger, und das real wirksame VPD an der Spaltöffnung fällt niedriger aus, als das Hygrometer in der Zeltmitte vermuten lässt.
Wer unter LED das VPD aus der Lufttemperatur rechnet, überschätzt es systematisch und fährt die Pflanze trockener, als er glaubt.
Praktisch heißt das: ein Infrarot-Thermometer auf ein beschattetes, gesundes Blatt halten, den Messwert in die VPD-Rechnung einsetzen statt der Luftzahl. Dabei ist Sorgfalt nötig, denn Infrarot-Thermometer verfälschen bei schrägem Winkel, falsch eingestellter Emissivität oder zu großem Abstand.
Zahlen je Phase
Für Cannabis liegt in der vegetativen Phase der optimale Bereich bei 0,9 bis 1,1 kPa, der Grenzbereich bei 0,7 bis 0,9 sowie 1,1 bis 1,3 und die Gefahrenzone unter 0,5 und über 1,7 kPa. Für die Blüte verschiebt sich das Fenster nach oben: Grenzbereiche bei 0,7 bis 1,0 und 1,7 bis 2,3, kritisch wird es unter 0,4 und über 2,3 kPa.
In der Grower-Praxis wird meist feiner nach Blattzahl gestaffelt, dann allerdings auf das Blatt-VPD bezogen. Die folgende Tabelle gibt diese verbreitete Praxisstaffelung wieder; sie ist Erfahrungswissen, keine begutachtete Norm.
| Phase | Blatt-VPD (kPa) | grobe Logik |
|---|---|---|
| Steckling / Sämling | 0,4 – 0,8 | schwache Wurzel, geringer Sog gewünscht |
| frühe Vegetation | 0,8 – 1,0 | Transpiration anschieben |
| späte Vegetation | 1,0 – 1,2 | kräftiger Wasser- und Nährstofffluss |
| frühe Blüte | 1,2 – 1,4 | robustes, trockeneres Mikroklima |
| späte Blüte | 1,4 – 1,6 | Fäulnisdruck senken |
Was passiert, wenn das VPD aus dem Ruder läuft
Steigt das VPD zu hoch, schließt die Pflanze die Spaltöffnungen, um Wasser zu halten. Mit geschlossenen Stomata endet aber auch die Kohlendioxidaufnahme, und ohne CO2 steht die Photosynthese still, egal wie hell die Lampe strahlt. Für Cannabis selbst ist dieser Punkt bisher kaum kontrolliert vermessen; an anderen Kulturen ist er gut dokumentiert. Bei Banane etwa knickt die Transpiration ab etwa 1,75 bis 2,5 kPa Blatt-VPD ein, bei knapp vier kPa sinkt sie um fast die Hälfte. Für Cannabis ist immerhin belegt, dass die Spaltöffnungs-Leitfähigkeit mit der Temperatur bis etwa 30 Grad steigt und darüber fällt und dass eine CO2-Anhebung auf 750 ppm die Transpiration um rund 29 Prozent drosselt.
Umgekehrt ist zu feuchte Luft kein harmloser Wohlfühlzustand, sondern messbar teuer. Im Gewächshaus wuchsen CBD-Pflanzen bei dauerhaft hoher Feuchte, also einem VPD, das in der Blüte auf 0,62 bis 0,25 kPa abfiel, dramatisch schlechter: die Gesamtbiomasse lag um gut 75 Prozent niedriger, die Blütenmasse um 71 Prozent, und die Blüte begann ganze drei Wochen später. Der CBD-A-Gehalt sank etwa auf ein Fünftel. Das ist die überraschende Zahl, die kaum ein Shop nennt: nicht Trockenstress, sondern chronisch zu feuchte Luft kann eine Ernte halbieren und mehr.
Der Taupunkt ist wichtiger als die Prozentzahl
Für die Fäulnisvorsorge zählt am Ende nicht die relative Feuchte, sondern der Taupunkt, also die Temperatur, bei der die vorhandene Luftfeuchte zu flüssigem Wasser kondensiert. Botrytis, die Knospenfäule, braucht flüssiges Wasser auf der Oberfläche, nicht bloß feuchte Luft. Nach dem Ausschalten der Lampe kühlt das Blatt schneller ab als die umgebende Luft. Sinkt die Blattoberfläche unter den Taupunkt, schlägt sich Wasser in der dichten Blüte nieder, und genau dort startet die Fäule. Deshalb ist die kritische Phase nicht der helle Mittag, sondern die erste Stunde der Dunkelperiode.
Praktisch folgt daraus eine Faustregel, die über das übliche Prozent-Denken hinausgeht: Nicht die Nachtfeuchte isoliert betrachten, sondern den Abstand zwischen Blatt-Temperatur nach Lichtaus und Taupunkt. Wird dieser Abstand klein, hilft kein Entfeuchter allein, wenn gleichzeitig die Blätter stark auskühlen. Milde Luftbewegung und eine nicht zu steile Nachtabsenkung halten den Abstand offen.
Die Nacht nicht vergessen
Nachts, bei geschlossenen Spaltöffnungen, verschwindet der Blatt-Offset weitgehend; Blatt- und Lufttemperatur liegen dann nahezu gleichauf. Das VPD sollte in der Dunkelphase trotzdem nicht beliebig tief fallen. Beim Feuchtestress gilt, dass dauerhaft sehr niedrige Werte die Leistung kosten; als Schwelle wird ein Nacht-VPD genannt, das nicht unter rund 0,62 kPa fallen sollte, verbunden mit einer Blühverzögerung bei Unterschreitung. Diese konkrete Zahl ist eine Sekundärangabe und mit Vorsicht zu lesen, die Richtung aber deckt sich mit der begutachteten Beobachtung, dass niedriges Blüten-VPD Ertrag und Cannabinoide drückt.
Ein unterschätzter Nebeneffekt: Calcium
Calcium bewegt sich in der Pflanze fast ausschließlich mit dem Transpirationsstrom im Xylem. Fällt die Transpiration bei dauerhaft niedrigem VPD und stehender Luft zusammen, erreicht das Calcium die jüngsten, am schnellsten wachsenden Gewebe nicht mehr zuverlässig. Im Gemüsebau ist das als Tip-Burn bei Salat gut dokumentiert und tritt paradoxerweise gerade bei kräftigem Wachstum unter viel Licht und gedrosselter Transpiration auf. Für Cannabis ist dieser Zusammenhang nicht kontrolliert nachgewiesen, aber physiologisch dieselbe Mechanik: Ein VPD-Fenster ist nicht nur eine Wasser-, sondern immer auch eine Nährstofftransport-Entscheidung.
Das Fazit in einer Zeile
VPD gehört an die Blattoberfläche gerechnet, nicht an die Raumluft; es ist ein Transportregler für Wasser und Calcium zugleich; und für die Fäulnisfrage schlägt der Taupunkt in der ersten Dunkelstunde jede Prozentzahl am Hygrometer.
Weiterlesen im Magazin
Grow-Wissen
ScrOG im Grenzfall: Wann das Netz bei Lichtspektrum, DLI und Fläche keinen Sinn ergibt
Ein Netz schafft keine Photonen, es verteilt sie. Warum Screen of Green bei kurzer Veg, Automatics und Lichtmangel oft das falsche Werkzeug ist.
Grow-Wissen
Topping und FIMing: Die Physiologie der apikalen Dominanz – und wann Schneiden Ertrag kostet
Beim Kappen verschwindet kein Auxin, es verteilt sich um – und Zucker ist oft der erste Schalter. Was die Datenlage zu Topping und FIMing …
Growguide
Cannabis Samen keimen lassen
Hey, willkommen zu dieser Anleitung zum Keimen von Cannabis! Hier teile ich meine Erfahrung aus 23 Jahren Anbau mit dir. Egal, ob du Anfänger …
